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Die Regionen der Zukunft
Chemnitz - Die zweite Wende
Karl Marx ist sieben Meter groß, dunkelgrün und guckt sehr ernst. Er steht in Chemnitz, der Stadt, die früher Karl-Marx-Stadt hieß, direkt neben der Straße der Nationen. Nachts strahlen Scheinwerfer ihn an, auf den ersten Blick könnte man denken, es habe sich gar nicht viel geändert seit der Wende. Aber die Stadt hat eine rasante Entwicklung hinter sich.
Die riesigen Volkseigenen Betriebe (VEB) hat die Treuhand nach der Wende in kleinere Unternehmen aufgeteilt. Viele von ihnen gibt es heute noch, sie bilden die Grundlage für das enorme Wirtschaftswachstum der letzten Jahre. So ist der Umsatz im verarbeitenden Gewerbe zwischen 7,2 und 13,7 Prozent gewachsen. Der Maschinen- und Anlagenbau wuchs 2007 sogar um 15,7 Prozent. 20 Jahre nach der Wende steht die Region jetzt erneut vor massiven Veränderungen: Zahlreiche Zulieferer im Fahrzeugbau haben ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt, um sie so lange wie möglich halten zu können. Der Maschinenbau leidet unter dem massiven Auftragseinbruch, aber auch hier werden die meisten Fachkräfte gehalten. Weil sie wissen, wie schwer es wäre, sie nach der Krise zurückzuholen.
Anja Göhler kommt das sehr entgegen, sie will in Chemnitz bleiben. Sie arbeitet beim Maschinenbauer Starrag-Heckert, der aus dem VEB Werkzeugmaschinenkombinat Fritz Heckert hervorgegangen ist. Das Unternehmen hatte in der DDR zeitweise 5000 Mitarbeiter, damals wurden viele Teile noch selbst gefertigt, die heute zugeliefert werden. Göhler ist die einzige Software-Entwicklerin in ihrem Team. Aber sie hatte nie ein Problem mit Männerdomänen, trägt ihre schwarzen Haare kinnlang und ein Tattoo wickelt sich um den Oberarm.
Die 30-Jährige entwirft Bedienoberflächen für die großen Präzisionsfräsmaschinen, die anschließend beim Kunden Teile für Autos oder Windräder herstellen: "Ich baue die Brücke zwischen Mensch und Maschine." Dass sie aus der Region kommt, hört man an der Art wie sie "jetze" und "ebend" sagt. Die studierte Wirtschaftsinformatikerin bewarb sich nach dem Abschluss deutschlandweit, und entschied sich dann ganz bewusst für Starrag-Heckert und Chemnitz. Weil die Menschen so herzlich und offen seien undweil man hier so gut und günstig wohnen könne. Das Unternehmen fertigt weltweit, nur wenige Mitarbeiter kommen aus den alten Bundesländern.
"Wenn man sich die Mühe macht, die schönen Seiten von Chemnitz zu entdecken, findet man sie auch", sagt Anja Göhler. Der erste Eindruck der Besucher sei meist nicht der beste, das weiß sie. Doch sie fährt oft mit ihrem Fahrrad und dem Fotoapparat durch die Stadt. "Die Stadt hat so viele Gesichter." Zum Beispiel das größte Gründerzeitviertel Europas, den Kaßberg. Sie mag das Eisenbahnmuseum und das Industriemuseum besonders. Hier gibt's die Vergangenheit zum Anfassen, denn die Industrie hat die Stadt groß gemacht und prägt die Region noch immer.
Schon jetzt fehlen in 30 Prozent der Industrieunternehmen der Region die Fachkräfte. Die Abwanderungsbewegung, die in zwei Wellen insgesamt 60000 Einwohner aus der Stadt geschwemmt hat, ist gestoppt. Die Leute kommen zurück oder entdecken die Region überhaupt erst. Das ist so wichtig, weil nach der Wende vor allem die Jüngeren abgewandert sind, die plötzlich arbeitslos waren. Sie haben ihre Kinder woanders bekommen, den Nachwuchs, der jetzt so fehlt. Der demografische Wandel hat Chemnitz fest im Griff, der Altersdurchschnitt liegt mit 49,5 Jahren weit über dem Bundesdurchschnitt von knapp 42 Jahren.
Fokus auf Maschinen- und Fahrzeugbau
Gerade deshalb bieten sich hier Chancen für junge, qualifizierte Kräfte. 50 Prozent der Arbeitnehmer werden bis 2020 in Rente gehen, für jede vierte Stelle wird ein Akademiker gesucht. Mit dem Fachkräfteportal "Chemnitz zieht an" von 18 mittelständischen Unternehmen und der Wirtschaftsförderung soll ihnen diese Suche erleichtert werden. "Wir tun, was wir können", sagt Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig. Sie hat einen festen Händedruck, trägt die Haare kinnlang und hat sich einen Schal über die Schulter gelegt. In ihrem braun getäfelten Amtszimmer spricht sie vom Übergang zu einem modernen Standort für den Maschinen- und Fahrzeugbau. "Wer bereit ist für eine Stadt, die nie fertig sein wird, sollte nach Chemnitz kommen." Andererseits: Das Lohnniveau liegt in Ostdeutschland immer noch unter dem des Westens, und die großen Konzerne errichten ihre Zentralen zumeist woanders.
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