Ortswechsel

"Die Holländer sind einfach gute Organisatoren"

Jeanette Villachica
Linda HalwaßIn Deutschland hatte Linda Hallwaß keinen passenden Studiengang gefunden und Groningen liegt nur 100 Kilometer von ihrer Heimatstadt Emden entfernt. Dennoch kam die nordholländische Metropole der Ostfriesin anfangs wie eine andere Welt vor. Seit vier Jahren studiert und arbeitet sie dort. "Hier leben Menschen aus rund 180 Nationen, das hat mir von Anfang an gut gefallen", sagt die 26-Jährige. Fast die Hälfte der 180000 Einwohner ist unter 30 Jahren alt, das Bildungsniveau ist hoch, weil nach dem Studium viele bleiben. "Es ist relativ leicht, eine Geschäftsidee zu realisieren", findet die Deutsche, die seit Beginn ihres International Communication-Studiums ein Übersetzungsbüro betreibt.Im Geschäftsleben und an der Uni wird jeder geduzt, auch die Professoren. Die Meinung junger Leute wird hoch geschätzt. "Ungewohnt war für mich, dass man Projekte anfängt, die nach deutschen Maßstäben noch nicht durchdacht sind." Alles werde eben lockerer gesehen und man gehe davon aus, dass sich schon alles fügen wird. Geselligkeit sei den Holländern wichtiger als Arbeit. Sie selbst arbeite sehr viel. "Mit 800 Euro pro Monat kommt man einigermaßen über die Runden", sagt sie.Es gibt viele Vorbehalte gegenüber DeutschenHallwaß wohnt in einem Abrisshaus, einem Reihenhaus mit Garten und vier Zimmern, wo die Miete nur 80 Euro beträgt. Die Alternative wäre ein WG-Zimmer für 350 bis 480 Euro. Anfangs war die Studentin schockiert davon, "wie Deutsche hier noch diskriminiert werden". Sie wird sehr oft an den Zweiten Weltkrieg erinnert, muss sich Witze über Deutsche anhören, ihr Auto, eine grüne Ente, wurde mit Tritten malträtiert und sie bemerkt es am Unterton, wenn über Deutsche geredet wird. "Offenbar wird der Deutschen-Hass von Generation zu Generation weiter getragen.Ein Mädchen hat sich mal gewundert, dass ich ‚ganz nett' bin. Ihre Eltern hätten ihr beigebracht, dass alle Deutschen schlechte Menschen sind."Mit ihrem Assistenz-Job an der Hanze University will sie der "inneren Blockade gegenüber den Deutschen" entgegenwirken. Sie entwickelt Schulungen für niederländische Betriebe, die mit Deutschland Geschäfte machen wollen. "Auch unabhängig von der Vergangenheit werden die Deutschen hier als schwierig empfunden. Ohne Gütesiegel und Genehmigung läuft bei uns ja gar nichts", sagt sie und lacht.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.10.2009

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