Umweltwirtschaft

Die grüne Branche wächst

Marc Winkelmann
Wie schone ich die Umwelt?Foto: © Ralph Stegmaier
Umweltbewusst leben? Das kann doch nicht schwer sein. Dachte unser Autor Marc Winkelmann und hat es einen Tag lang versucht. Er ist gescheitert.
8.30 Uhr FrühstückIn der Zeitung lese ich, dass zwei Anfragen bei Google so viel CO2 freisetzen wie das Aufkochen einer Tasse Tee. Ich schalte meinen Laptop an und recherchiere, ob es alternative Suchmaschinen gibt. Ich finde eine, sie heißt Ecocho, ist letztes Jahr gestartet und verspricht, für jede tausendste Suchanfrage zwei Bäume zu pflanzen. Allerdings ist sie schon wieder offline. Sind dem Betreiber die Bäume ausgegangen? Das Ergebnis hat mich ein paar Versuche bei Google gekostet. Zum Ausgleich beschließe ich, eine Woche lang auf meinen Frühstückstee zu verzichten.11 Uhr EnergieberatungIch habe einen Termin bei der Verbraucherzentrale. Unser Stromverbrauch ist ungewöhnlich hoch. Ist die neue Wohnzimmerlampe mit ihren 25 Glühbirnen schuld? Nicht gerade das Öko-Modell. Vor mir sitzt ein hagerer Mann, Anfang 50, er scheint zuletzt vor drei Jahren gelacht zu haben. Es liegt an ihrem Wassererhitzer, sagt er. Und rechnet vor: Einmal baden kostet so viel Strom wie zehn Stunden lang die Lampe aufzudrehen. Daher die hohe Rechnung. Er duscht seit Jahren mit einer Sparbrause, und das dauert nur eine Minute. Baden sei nicht verantwortungsvoll, sagt er. In diesen Zeiten! Wie lange wohl sein letztes Date her ist?12.30 Uhr MittagIch überlege, was wir essen sollen. In unserer Gemüsekiste sind noch Pastinaken und Steckrüben übrig geblieben. Die mögen wir beide nicht. Das ist der Nachteil: Einmal pro Woche bekommen wir eine Kiste mit frischen Bio-Produkten aus der Region geliefert, aber immer sind auch Sachen dabei, von denen ich noch nie gehört habe. Und Rezepte dazu habe ich auch keine. Aus Mangel an Alternativen schieben wir zwei Pizzen in den Ofen. Ich habe ein schlechtes Gewissen. Mit den Pastinaken und Steckrüben versuche ich es morgen noch mal.13.30 Uhr HausflurIn dem Buch "Wir Klimaretter" stand, dass Woche für Woche ein Wald nur für Werbesendungen gefällt wird. Ich nehme mir einen Blankoaufkleber, schreibe "Keine Werbung einwerfen!" darauf und bringe ihn an unserem Briefkasten an. Ich bin nicht der Erste im Haus. Als ich zurück in die Wohnung will, kommt ein Schüler herein, der Flyer eines Pizza-Lieferanten austrägt. Einen großen Stapel schmeißt er auf die unterste Stufe der Treppe. Das Essen liegt mir immer noch etwas schwer im Magen.14 Uhr Carsharing-FilialeWir wollen zu meiner Familie aufs Land, haben aber kein Auto. Ich gehe zu dem Verleihunternehmen in der Nähe und wähle einen roten Zweisitzer. Leider hat mein Vormieter vergessen, die Reste seines Cheeseburgers vom Schaltknüppel zu wischen. Und auf dem Beifahrersitz hat sich etwas Cola breit gemacht. Zumindest fährt er.16 Uhr GeburtstagMeine Schwester ist mit ihrem Mann und ihrem Sohn auch gekommen. Leander, mein Neffe, wird heute ein Jahr. Das wollen wir feiern. Ich habe ihm eine Eisenbahn aus Holz gekauft. Holz ist gut, denke ich, ein natürlicher Rohstoff, das kann nicht verkehrt sein. Irrtum. "Made in China" steht auf der Unterseite, meine Schwester blickt mich prüfend an. Leander steckt sich die bunt lackierte Lok grinsend in den Mund.20.30 Uhr Auf dem SofaIch zappe durch die Programme. Im Flur klingelt das Telefon. Ich hebe ab, es knackt in der Leitung, dann spricht eine blecherne Frauenstimme zu mir. Vor drei Wochen sind wir zu einem Öko-Stromanbieter gewechselt. Seitdem ruft uns alle paar Tage eine Roboterdame an und fragt, ob wir schon über andere Angebote informiert wurden. Ich nehme mir vor, gleich morgen zurück zu unserem alten Anbieter zu gehen. Atomstrom ist politisch vielleicht nicht korrekt. Aber wenigstens belästigt er mich nicht am Telefon.

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