Interview mit Ulrich Khuon

"Der Mensch bremst sich nicht selber"

Til Knipper
Im Programm zu "Öl" ist vom "Westeuropäer, als einem in seiner Ignoranz und seinem Selbstmitleid gefangenen Schmarotzer" die Rede. Sind wir so nutzlos?
Das ist eine pointierte Formulierung. Das Stück zeigt, dass wir unsere Ressourcen hemmungslos ausnutzen. Der Mensch bremst sich nicht selber. Gier ist bei uns im Westen schon ein bestimmendes Motiv. Die Zumwinkels und Middelhoffs haben uns treffende Beispiele geliefert. Das ist eine Art Kaste, dafür gibt es auch den Begriff Neofeudalismus, die den Bezug zur Normalität verloren hat. Sie sehen nicht ein, warum sie Steuern zahlen sollen, möchten aber ständig eine von ihnen geprägte Wertediskussion in Hinblick auf andere führen.
Erreichen Sie die überhaupt?
Vielleicht nicht direkt, aber wir erreichen die Gesellschaft, die darüber nachdenkt, wie man wirksam Kontrolle ausübt, ohne gleichzeitig die Freiheit abzuwürgen.
Kommen denn die "ignoranten" jungen Menschen zu Ihnen ins DT? 
Es gibt eine Tendenz, den Anspruch an die eigene Aufnahmebereitschaft zu reduzieren. Wenn das Lieblingsbuch vieler Erwachsener Harry Potter ist und die größten Kinoerfolge Verfilmungen von Computerspielen und Kinder-Comics sind, dann belegt das diese Tendenz. Man drückt sich vor wichtigen existenziellen Fragen und plappert lieber bei Facebook oder Twitter zur Ablenkung vor sich hin. Gegen diese Infantilisierung versuchen wir anzuspielen, indem wir mit dem Jungen DT in Schulen und mit Jugendlichen die direkte Begegnung suchen, gemeinsame Projekte initiieren und Stoffe wie Gewaltbereitschaft auf der Bühne erarbeiten.
Sind Sie generell eher technikfeindlich? 
Nein, es ist gut, dass es die neuen Kommunikationsmöglichkeiten gibt. Aber es führt dazu, dass wir seltener direkt miteinander kommunizieren. Das ist ein Verlust. Wir sind online immer verfügbar, aber da ist auch immer eine Wand dazwischen. Die Körperlichkeit ist das Schöne am Theater. Man spürt die Menschen im Publikum neben sich, aber vor allem auch die Körper auf der Bühne. Man merkt, dass das keine perfekten Geschöpfe sind wie in der virtuellen Welt, sondern hoffende, verzweifelnde, unvollkommene Wesen. Es tut jedem gut, sich darin gespiegelt zu sehen.
Sie haben mal gesagt: "Wer Erfolg haben will, muss auch Feinde haben." Wie schafft man das? 
Wichtig ist, dass es die richtigen Feinde sind. Es ist gefährlich, wenn einen die falschen Leute gut finden. Unsere Art von Theater mit einem hohen Wirklichkeitsgehalt und der dazugehörigen Ästhetik hält viele fern, die wollen, dass das Theater ausschließlich eine höhere, bessere Welt verkörpert. In Hamburg hat uns ein Kritiker als "Schwitz-, Schrei- und Stöhnensemble" bezeichnet. Ich verstehe das inzwischen als Kompliment. Ich will Schmerzpunkte setzen.
Zur Person1951 wurde Ulrich Khuon in Stuttgart, geboren. Nach dem Abitur 1970 ging er nach Freiburg, wo er Jura und später auch Theologie und Germanistik studierte. Anschließend arbeitete er als Theater- und Literaturkritiker bei der Badischen Zeitung. 1980 wechselte er als Chefdramaturg ans Stadttheater Konstanz, wo er 1988 die Intendanz übernahm. Von dort ging er 1993 ans Niedersächsische Staatsschauspiel in Hannover. Die Hochschule für Musik und Theater in Hannover ernannte ihn 1997 zum Professor.Zu Beginn der Spielzeit 2000/2001 wurde Khuon Intendant des Thalia Theaters in Hamburg, das unter seiner Führung zweimal zum Theater des Jahres gewählt wurde. Seit September 2009 ist er Intendant des Deutschen Theaters in Berlin. Khuon ist Mitglied der Akademie der Darstellenden Künste, Vorsitzender des Ausschusses für künstlerische Fragen beim Deutschen Bühnenverein und sitzt im Senat der Deutschen Nationalstiftung und im Stiftungsrat des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Sein Sohn Alexander ist Schauspieler am Deutschen Theater, seine Tochter Nora arbeitet als Dramaturgin am Schauspiel Frankfurt.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.10.2009

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