Rund 200.000 Handwerksunternehmer werden in den nächsten Jahren in Rente gehen. Eine große Lücke, die sich da auftut, zumal die technischen Herausforderungen an die Betriebe steigen. Hochschulabsolventen sind daher sehr gefragt und haben gute Aufstiegschancen.
Wenn Moritz Reifferscheid seine Latzhose anzieht und vom Großraumbüro in die Produktionshalle wechselt, nicken die Handwerker anerkennend. Der Chef in Tischlermontur, das kommt gut an bei den Kollegen. Auch sonst begegnet Diplom-Ingenieur Reifferscheid (32), Abteilungsleiter bei den Deutschen Werkstätten Hellerau (DWH) nahe Dresden, seinen Untergebenen stets auf Augenhöhe. Denn Standesdünkel zu zeigen, wäre der Kardinalfehler.Akademikern, die das beherzigen, bieten sich im Handwerk hervorragende Karrierechancen. Das gilt vor allem für größere Betriebe mit mehr als 20 Beschäftigten. Dort könnten Hochschulabsolventen schnell in Führungspositionen gelangen, sagt Lothar Semper, Geschäftsführer des Bayerischen Handwerkstags. Künftige Chefs hat das Handwerk bitter nötig: Experten schätzen, dass in den nächsten fünf Jahren 200 000 Unternehmer in Rente gehen - eine echte Großbaustelle also.Immer mit dem Laptop zum KundenEinige Hochschulen bieten bereits duale Studiengänge an, bei denen Abiturienten Gesellenbrief und Bachelor parallel machen - an der Berufsakademie Hamburg etwa lassen sich klassische Berufe wie Bäcker, Maler oder Friseur mit einem Betriebswirt kombinieren. Oder an der FH Trier, wo der Bachelor in Versorgungstechnik mit dem Anlagenmechaniker kombiniert wird. Ab Oktober 2010 wird in Köln gar der triale Studiengang Handwerksmanagement angeboten, der ebenfalls mit einem Bachelor abschließt.Ingenieure sind besonders gefragt, denn die technischen Anforderungen im Handwerk sind gewachsen. Sempel sagt: "Ein Heizungsinstallateur zum Beispiel geht nicht mehr ohne Laptop zum Kunden. Die Anlagen sind immer komplexer geworden."Die konjunkturelle Talfahrt im Handwerk scheint gestoppt. Nach dem Einbruch im vergangenen Jahr verbesserten sich die Einschätzungen zur Geschäftslage im Frühjahr 2010. Das ergab eine Umfrage des Magazins Creditreform unter 3000 Betrieben. Das Handwerk, das 2008 mehr als 4,8 Mio. Beschäftigte zählte, blickt wieder zuversichtlich in die Zukunft. Reifferscheid ist nach seinem Verfahrenstechnik-Studium in Dresden bei den DWH einer von 200 Beschäftigten. Das sächsische Unternehmen, 1898 gegründet, hat sich auf luxuriöse Innenausbauten spezialisiert.Reifferscheids Kollegen statteten 2009 die Eon-Zentrale aus, ebenso die Galerie Contemporary Fine Arts in Berlin. Und auch Privatschiffe mit über 100 Metern Länge. "Das sind Yachten mit Hubschrauberlandeplätzen", sagt Reifferscheid, "oder eigenem U-Boot."Der Alltag in den meisten Betrieben sieht natürlich anders aus. Für viele Akademiker sind Handwerksunternehmen dennoch eine interessante Perspektive. Das Jobportal Stepstone befragte für das Handelsblatt 517 Fach- und Führungskräfte, darunter 70 Prozent Akademiker, ob sie sich einen Job im Handwerk vorstellen könnten. 6,4 Prozent arbeiten bereits in einem Handwerksbetrieb. Und 85 Prozent fänden es spannend, dort beschäftigt zu sein.Exklusive LuxusprodukteWas viele Unternehmen so attraktiv macht: Handwerker bieten ihre Produkte oder Dienstleistung auf Bestellung an - im Gegensatz zur industriellen Fertigung, bei der maschinell standardisierte Produkte in Serie hergestellt werden. Weit oben in der Gunst der Kunden stehen Manufakturen, die Luxusprodukte produzieren - die Porzellan-Manufaktur Meissen zum Beispiel.Die Herstellungstechniken haben sich in 300 Jahren kaum verändert. Modelliert wird auf der Drehscheibe, die mit dem Fuß gesteuert wird. Die Muster werden von Hand aufgetragen. "Wir können viele Dinge nicht industriell fertigen. Es gibt kein besseres Werkzeug als die Hand", sagt Daniela Lippert. Die Kunsthistorikerin, die zusätzlich Jura studiert hat, hat ihre Magisterarbeit über Keramik des 18. Jahrhunderts geschrieben, an Meissen führte da kein Weg vorbei.
Deutschland ade: Unternehmen verlagern Produktion, Verwaltung und Forschung in alle Welt – weil Schwellenländer wettbewerbsfähiger werden und Manager durch Herkunft und Werdegang so weltoffene wie nüchterne Kalkulierer sind wie keine Generation vor ihnen.
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Foto: G. Altmann/Pixelio
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