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Glanznoten

Zitterpartie Arbeitszeugnis

Gerhard Winkler
Sie dürfen Ihr Arbeitszeugnis selbst schreiben? Nutzen Sie den Freifahrtschein! Wie man es richtig macht, damit das Eigenlob nicht stinkt, weiß Bewerbungsberater Gerhard Winkler.
Eigenlob stinkt! Vorsicht bei selbstverfassten ZeugnissenFoto: © artivista | werbeatelier - Fotolia.com
Zitterpartie Arbeitszeugnis - das war einmal. Weitgehend passé ist die Bausteinsammlung aus der untersten Schublade des Personalbüros. Ein Glück. Denn in schlampig und lieblos zusammengestellten Schablonentexten ist die individuelle Leistung kaum mehr erkennbar. Die flinken Mitarbeiter von heute entlasten ihre Arbeitgeber und schreiben ihr Zeugnis vor. Doch ein Arbeitszeugnis wird keineswegs automatisch besser, nur weil man es selber tippt. Im selbst gebrauten Zeugnis nämlich hat sich meist der Standpunkt des Arbeitgebers verflüchtigt.Ihre Version zählt
Ein Zeugnis komponiert man nicht zwischen Tür und Angel. Da kommt einiges auf Sie zu: Nehmen Sie strikt die Sicht des Arbeitgebers ein. Halten Sie den üblichen Aufbau ein. Wahren Sie die Tonalität der Zeugnissprache. Notieren Sie präzise Ihre täglichen Aufgaben und besonderen Leistungen. Werten Sie nur dort, wo Wertungen ihren Platz haben. Sie können sich nicht darauf verlassen, dass ein Arbeitgeber die schlimmsten Patzer in Ihrem Zeugnisentwurf schon korrigieren wird. Er hat sowieso keine Zeit; vielleicht unterschreibt er einfach unbesehen.

Die besten Jobs von allen

Halten Sie die Normen ein
Der erste Satz nennt Namen, Geburtsdatum, Eintrittstermin und Position. Der zweite Absatz ist eine geschäftliche Selbstaussage des Zeugnisausstellers und beschreibt knapp das Unternehmen. Im folgenden Abschnitt über Ihre Aufgaben stecken die wichtigsten Informationen - wer sie nur stichwortartig in Bullet-Points untereinander auflistet, lässt die Wirkung sinnlos verpuffen. Vergessen Sie die Mär von der Übersichtlichkeit der Darstellung und verlassen Sie sich auf die Wirkungskraft geschliffen formulierter Sätze: Je wertvoller der Mitarbeiter, desto eher wird seine Leistung in ganzen Sätzen gewürdigt.
Der anschließende Bewertungsteil umfasst Arbeitsbereitschaft und -befähigung, Arbeitsstil, Führungs- beziehungsweise Mitarbeiterverhalten, Wissen, Lernbereitschaft, Sozial- und Kommunikationsverhalten. Der Schlussteil ist mit seinen Begründungs- und Verabschiedungsfloskeln hochgradig formalisiert und mit Bedeutung aufgeladen. Greifen Sie dafür auf handelsübliche Vorlagen zurück. Zeugnisse sind nicht das richtige Instrument, um seine Kreativität unter Beweis zu stellen.
Streichen Sie die Adjektive
Der erste Zeugnisteil ist beschreibend und nicht wertend. Eigenfabrikate erkennt man meist sofort daran, dass die erste Hälfte des Zeugnisses mit Adjektiven gespickt ist. Tätigkeitsbeschreibungen fallen dagegen oft mau aus, weil man sich nicht genau genug erinnert oder weil die Aufgaben so selbstverständlich erscheinen. Jobanbieter wollen es aber genau wissen. Geben Sie vollständige Auskunft. Stellen Sie Ihre besonderen Leistungen abgetrennt von den Routineaufgaben dar.
Erfolge beim Namen Nennen
Heben Sie besondere Leistungen und Erfolge gesondert heraus. Nennen Sie die Namen von Projekten. Haben Sie ein Event organisiert, dann sagen Sie welches. Haben Sie Schulungsmaterial fabriziert, geben Sie den Titel an. Nennen Sie auch Ihre Arbeitswerkzeuge. Je mehr Wirklichkeitspartikel im Text, desto gehaltvoller wird er.
Bleiben Sie auf dem Boden
So mancher Ghostwriter in eigener Sache schwingt sich auf dem Papier zum Sanierer auf, reitet in die Firma ein und räumt dort kräftig auf. Kippen Sie nicht die Hierarchie. Man hat Ihnen Arbeiten zugewiesen, Ihnen Aufgaben übertragen, Ihnen Projekte anvertraut. Man hat Sie abgeordnet und eingesetzt. Listen Sie Ihre Pflichten auf. Meine Klienten hassen den Ausdruck. Jobanbieter lieben ihn.
Vollständig, aber nicht lückenlos
Dokumentieren Sie nicht lückenlos jeden Schritt auf Erden. Wenn Sie aus einem Zeugnis nichts Erhellendes herauslesen, vermag es ein Jobanbieter auch nicht. Wie vollständig der Satz an Leistungsnachweisen zu sein hat, möchten Bewerber oft gern auf das Blatt genau wissen: Nachweise decken immer ab, was den Claim auf einen Job belegt. Das sind Ihre Ausbildung, die letzten Tätigkeiten, Ihre letzten Weiterbildungen, Ihr sonstiges Engagement. Noch ein Tipp für die spätere Bewerbung: Ziehen Sie alle Fakten, die Sie gut aussehen lassen, aus Ihren Zeugnissen heraus und füttern Sie damit Anschreiben und Lebenslauf. Schlagen Sie einem Jobanbieter nie vor, dass er Näheres den beigefügten Unterlagen entnehmen möchte. Sie wirken sonst wie jemand, der seine Argumente nicht sortieren und vorbringen kann. Die Tatsachen sprechen zwar für sich, aber erst, nachdem Sie offen sichtbar auf den Tisch gelegt haben, was für Sie spricht.
Was Personaler nervt:
Bei uns bewerben sich jährlich 10 000 Hochschulabsolventen und Young Professionals, 191 Absolventen haben wir 2005 eingestellt. Gelegentlich legen Bewerber selbst geschriebene Arbeitszeugnisse bei. Das merkt man schnell, denn oft fehlen darin die Standardformulierungen. In vielen sind sogar mehr Informationen enthalten als in den formalisierten Zeugnissen. Allerdings wissen manche Kandidaten nicht, was wichtig ist. Kürzlich legte ein promovierter Chemiker ein selbst verfasstes Zeugnis über seine Tätigkeit als Hilfswissenschaftler an der Universität vor, in dem er ausführlich beschrieb, wie er für den Fachbereich einen Getränkeautomaten organisiert und aus dem erwirtschafteten Geld eine Reise für alle realisiert hat. Er hat die Stelle letztlich trotzdem bekommen. Ein Zeugnis ist ja nur ein Baustein in einer Bewerbung. Und ein schlechtes legt ohnehin keiner bei. Wir fordern fehlende Zeugnisse aber immer nach. Dirk Pfenning, Bayer Hochschulmarketing
Dieser Artikel ist erschienen am 01.04.2006