Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Bewerbung

Versuch's mal namenlos!

Tina Groll / Zeit.de
Anonyme Bewerbungen helfen nicht nur den Jobsuchenden, sondern auch den Arbeitgebern. Ein Pilotprojekt der Antidiskriminierungsstelle zeigt: Sie sparen Geld und Zeit.
Lebenslauf
Uninteressant: personenbezogene Angaben  Foto: U. Carthäuser/Pixelio
Projekt der Antidiskrimierungsstelle


Einen Job zu bekommen, ohne seinen Namen, sein Alter, oder die Herkunft preiszugeben: 111 Personen ist das im vergangenen halben Jahr gelungen. Sie sind die Ersten, die im Rahmen des Pilotprojekts anonyme Bewerbungen eine neue Stelle gefunden haben. Insgesamt haben bislang 4.000 Bewerber mitgemacht und sich bei den teilnehmenden fünf Unternehmen und drei öffentlichen Arbeitgebern beworben.

Das Projekt der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) läuft seit November vergangenes Jahres und wird noch ein halbes Jahr fortgeführt. Insgesamt sollen auf diese Weise 225 Arbeits-, Ausbildungs- und Studienplätze besetzt werden – von der einfachen Tätigkeit bis zum Job im mittleren Management ist alles dabei. Das Ziel: Chancengleichheit unter den Bewerbern herstellen und die Qualifikation der Kandidaten in den Vordergrund rücken.

Die besten Jobs von allen


Ältere, Migranten und Frauen sollen so bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt bekommen. Am Ende werden das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) und die Europa-Universität Viadrina das Projekt wissenschaftlich auswerten. Die Stadt Celle, die als öffentlicher Arbeitgeber am Projekt teilnimmt, hat bereits entschieden, ihre Mitarbeiter künftig nur noch anonym zu rekrutieren.

Auch das Bundesfamilienministerium erwägt einen solchen Schritt. Man habe auf diese Weise geeignete Kandidaten gefunden, sagt Frank Plate, dem das Personalreferat des Ministeriums untersteht. Christine Lüders, Leiterin der ADS, wertet das als einen vollen Erfolg: "Anonyme Bewerbungen sind durchführbar und sie lenken das Augenmerk auf die Qualifikation. In vielen Fällen sparen Personaler und Bewerber sogar Zeit, weil das anonyme Verfahren meist weniger aufwendig ist."

Augenmerk liegt auf der Qualifikation

Dass personenbezogene Angaben wie Alter, Geschlecht, Religion oder Familienstand sowie ein Foto fehlen, schätzen die beteiligten Personaler als unproblematisch ein. Auf diese Weise falle vor allem die Qualifikation der Kandidaten auf. Das mache es nötig, das Profil der ausgeschriebenen Stelle zu schärfen, so die Argumentation.

Die Einführung des anonymisierten Verfahrens habe eine Diskussion über die bisherige Rekrutierungspraxis in Deutschland in Gang gebracht, einige Unternehmen hätten die bisherigen Auswahlprozesse überdacht, sagt Lüders. Die meisten Bewerber kamen mit den anonymisierten Verfahren gut zurecht, wobei sich jedoch Unterschiede je nach Bildungsstand zeigen. Akademiker fiel die Anonymisierung leichter, Nicht-Akademiker hatten eher Schwierigkeiten, beispielsweise geschlechtsneutrale Berufsbezeichnungen anzugeben. 45,3 Prozent der befragten Bewerber befürworten die Anonymisierung, 18,9 Prozent sehen darin keinen Unterschied – aber 35,8 Prozent sprechen sich dann doch sich für das personalisierte Verfahren aus.