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Richtig bewerben

Verschönerter Lebenslauf - Schummeln gilt nicht

K. von Elm
Personaler haben einen Riecher für Ungereimtheiten. Wer ihnen einen frisierten Lebenslauf unterjubelt, muss sich auf ein Kreuzverhör gefasst machen.
Bei falschen Angaben gilt: Lügen haben kurze BeineFoto: © Sunny3 - Fotolia.com
Auslandssemester, Einser-Examen, Praxiserfahrung, Führungsqualitäten - was Stellenanzeigen nicht so alles von Berufseinsteigern fordern. Selbst schuld, denkt sich der eine oder andere Bewerber und verkauft den "Kopier-Job" kurzerhand als wissenschaftliche Assistenz und den ausgedehnten Ibiza-Trip als Spanisch-Intensivkurs. Um in die engere Wahl zu kommen, werden in harten Fällen auch mal Noten frisiert oder Jobs und Zeugnisse als "Lückenfüller" frei erfunden.Doch Personalprofis, die Hunderte von Bewerbungen auf den Tisch kriegen, lassen sich nicht leicht blenden. "Unübersichtliche, überfrachtete Lebensläufe ohne erkennbare Chronologie machen mich stutzig", verrät Nebahat Güler, Referentin Personalmarketing und Recruiting beim Wirtschaftsprüfer Deloitte in Düsseldorf. Sprich: Entweder der Kandidat ist ein Chaot, oder er hat etwas zu verbergen.

Die besten Jobs von allen

Ein Monat, ein Jahr - ist doch egal 
"Phasen der Arbeitslosigkeit oder Berufsfindung werden gerne verschwiegen, zum Beispiel durch die Angabe von Jahres- statt Monatsdaten im Lebenslauf", bestätigt Sarah Urbanek, bei BP in Bochum für das E-Recruiting zuständig. Spätestens im Vorstellungsgespräch hakt sie genau nach.
Ralf Dassau, Teamleiter Recruiting beim Solarunternehmen Conergy in Hamburg, vergleicht beispielsweise die Zeugnistexte: "Tauchen immer wieder die gleichen Formulierungen auf, hat der Bewerber vermutlich selbst zur Feder gegriffen." Laienhaft formulierte Zeugnisse wecken ebenfalls seinen Verdacht, besonders, wenn sie angeblich aus großen Unternehmen mit professioneller Personalabteilung stammen. Außerdem ist die Welt klein, in vielen Branchen kennt man sich. Da fällt es auf, wenn im Zeugnis Namen oder Adressen nicht stimmen oder die beschriebene Tätigkeit gar nicht zu einer Firma passt.
Top-Noten dank Tipp-Ex 
Weil die Jobchancen mit den Prüfungsnoten steigen, versucht so mancher Durchschnittstyp, dem beruflichen Erfolg mit Tipp-Ex auf die Sprünge zu helfen. Motto: Fällt nach dem Scannen oder Kopieren gar nicht mehr auf. "Gute Noten sind toll, aber natürlich müssen die Kandidaten das mit Leben füllen können", betont Nebahat Güler. Auch bei Deloitte kam es schon vor, dass sich ein vermeintliches Traumzeugnis von der Top-Uni als dreiste Fälschung entpuppte.
Die Stunde der Wahrheit schlägt auch Zeugnisbetrügern spätestens beim persönlichen Kennenlernen. Hier fragen Personaler nach Details: Wie lautete die Aufgabenstellung in einer Prüfung? Wie hat sich der Bewerber vorbereitet? Wie viel Zeit hat er investiert? Warum lag ihm das Diplomarbeitsthema so besonders? Gab es unterwegs Probleme und wie hat er sie gelöst? Die Antworten zeigen, wie viel Einsatz jemand im Studium wirklich gezeigt hat.  "Wenn ich das Gefühl habe, dass ein Bewerber fantasiert, frage ich gezielt nach Kleinigkeiten und tue auch mal so, als würde ich mich an der jeweiligen Uni genau auskennen", verrät Gisela Jacobi, Personalleiterin beim Bauspezialisten Doka in Maisach. Als Schummler brauche man schon ein dickes Fell, um spontan zu erfinden, wie der Herr Professor oder das Institut noch mal genau hießen.Bei berufserfahrenen Bewerbern klopfen Personalprofis auch die beruflichen Qualifikationen anhand konkreter Beispiele aus dem Arbeitsalltag ab. "Grundsätzlich muss man natürlich damit rechnen, auf die im Schreiben herausgestellten Erfolge und Fähigkeiten angesprochen zu werden", sagt Nebahat Güler von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte. Das geschieht nicht mal aus böser Absicht, im Gegenteil: "Um Kandidaten die Nervosität zu nehmen, starten wir oft mit einem Thema, von dem wir denken, dass sie sich da sicher fühlen." Das können auch die fließenden Sprachkenntnisse sein. Fast alle internationalen Unternehmen führen zumindest einen Teil des Vorstellungsgesprächs auf Englisch.Tränen lügen nicht? 
Bewerber mit ein paar Jahren Berufserfahrung präsentieren sich oft souveräner - es sei denn, sie haben sich gerade im Streit von ihrem Arbeitgeber getrennt, wurden degradiert oder rausgeschmissen. Klar, dass niemand seine beruflichen Misserfolge gerne an die große Glocke hängt. Statt einen Rauswurf zuzugeben, wird er gerne beschönigt oder komplett geleugnet. Beim Ex-Arbeitgeber nachfragen dürfen Personaler zwar nur mit Erlaubnis. Doch bei geschickter Gesprächstechnik entlarven sich Lügner und Zeugnisfälscher ganz von selbst.
"Niemand schmeißt freiwillig seine Leistungsträger raus", stellt Doka-Personalleiterin Gisela Jacobi klar. Wer bei ihr versucht, eine Kündigung allein auf die schlechte Konjunktur, eine Unternehmenskrise oder Umstrukturierungen zu schieben, der muss sich ein paar Unbequemlichkeiten gefallen lassen: Wie groß war die Abteilung? Wie viele Leute mussten gehen? Wurde die Position neu besetzt und wenn ja, von wem? Ist der Bewerber angeblich aus freien Stücken gegangen, stellt sich die Frage, warum er mit der Kündigung nicht bis zum neuen Vertrag gewartet hat.Bitte echte Schwächen und Fehler ehrlich zuzugeben, statt faule Ausreden zu erfinden, kann sich für Bewerber durchaus lohnen. Die Antwort "Meine größte Schwäche ist Ungeduld", kommt Personalern zu den Ohren heraus. Immer noch verkaufen Bewerbungsbücher dies als Top-Reaktion. "Das glaube ich absolut niemandem", ärgert sich Matthias Afting, Leiter Personalstrategie bei der Deutschen Bahn. Kandidaten, die bei Afting punkten wollen, sollten überzeugend darstellen, wie sie in der Vergangenheit Pleiten bewältigt und daraus gelernt haben. "Wer Dinge bewegen will, der muss auch mal eine Niederlage einstecken", ist der Personalstratege aus Berlin überzeugt.Soap-Darsteller, nein Danke 
Auch Gisela Jacobi lässt sich bei der beliebten Frage nach persönlichen Schwächen nicht mit Standardantworten abspeisen. Stattdessen stellt sie aalglatten Bewerbern Fangfragen. "Wenn jemand zuerst von sich behauptet, er sei ungeduldig, und sich ein paar Fragen später plötzlich als detailverliebter Tüftler präsentiert, konfrontiere ich ihn mit diesem Widerspruch", sagt die Personalexpertin.
Beliebt sind auch kurze Präsentationen oder Rollenspiele, mit denen Teamfähigkeit, Kundenorientierung oder Führungskompetenz abgeklopft werden: Da soll der Vorstandsassistent beispielsweise eine knackige Zusammenfassung von einer Besprechung liefern. Beim Vertriebsingenieur ruft ein Kunde an und beschwert sich, oder der angehende Projektleiter muss Ärger im Team schlichten. Wenigen Bewerbern gelingt es, sich im Eifer des Gefechts komplett zu verstellen. "Ich suche zuverlässige Mitarbeiter, die ins Team passen, keine Laienschauspieler", betont Matthias Afting.Lieblingsoper Rocky Horror Show "Authentisch bleiben, nicht verbiegen", gibt auch Nebahat Güler Bewerbern mit auf den Weg. Wer Personalern nach dem Mund redet, schadet sich selbst. Sei es das angebliche Lieblingsbuch, das man nie gelesen hat, oder die geheuchelte Leidenschaft für einen Fußballclub, dessen Spiele man nie anschaut - beim vermeintlich harmlosen Smalltalk werden Wendehälse entlarvt. Dem angeblich leidenschaftlichen Opernfan, der auf Nachfragen die "Rocky Horror Picture Show" als seine Lieblingsoper nannte, hat Matthias Afting lieber abgesagt.Und falls sich doch mal jemand den begehrten Vertrag erschummelt? Noten und Zeugnisse zu fälschen ist ein Straftatbestand und berechtigt den Arbeitgeber zur fristlosen Kündigung. "Selbst wenn der Bewerber hervorragend arbeitet, würden wir entsprechend handeln", betont Nebahat Güler. Wer einmal lügt, dem glaubt man eben nicht.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.12.2006