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Bewerbung

Im Vorstellungsgespräch ist lästern verboten

A. Koschik
Ehrlichkeit hat ihre Grenzen - besonders wenn es um die frühere Firma, den Chef oder die Ex-Kollegen geht: Jammern und klagen sind im Bewerbungsgespräch tabu. Wer mit Altlasten aufgeräumt hat, ist am Besten gewappnet.
Vermeiden Sie Lästereien im BewerbungsgesprächFoto: © Gernot Krautberger - Fotolia.de
Die Produktmanagerin versteht die Welt nicht mehr. "Ich habe doch nur die Wahrheit gesagt. Deswegen bin ich doch nicht unloyal", sagt Verena Grashoff (Name v. d. Red. geändert), die gerade eine Absage von einem internationalen Automobilkonzern erhalten hat. Dort hatte sich die 32-Jährige für eine Stelle im Marketing beworben.
Ihre Vermutung: "In meinem Bewerbungsgespräch bin ich über die Frage gestolpert, warum ich denn bereits nach acht Monaten den Job wechseln wolle. Ich habe gesagt, dass mein Chef mich mobbt und dies für mich die Hölle ist." Danach habe sie förmlich gespürt, wie die Stimmung gekippt sei. Vergebens ihr Hinweis, dass sie ihren Vorgesetzten mehrfach um klärende Gespräche gebeten habe, doch ihr stattdessen immer mehr Arbeit aufgehalst worden sei.
Die Reaktion des Unternehmens ist für Angela Schmidt von der Karriereberatung Lee Hecht Harrison klar: "Der potenzielle Arbeitgeber nimmt die Position des Gescholtenen ein und fragt sich, ob die Kandidatin in Zukunft auch über ihn schlecht redet." Mehr noch: "Statt Mitleid zu bekommen, wird die Person für nicht belastbar gehalten." Macht in der Summe das Aus in jedem Bewerbungsgespräch.
Abrechnen ist nicht
Rund ein Drittel aller Arbeitnehmer sind wie Verena Grashoff von Mobbing betroffen, zeigt eine Umfrage des Stellen-Portals Monster. Und 40 Prozent aller Deutschen sind unzufrieden im Job, hat die EU-Kommission ermittelt. Warum also nicht ehrlich über ein Thema sprechen, das viele bewegt? "Persönliche Konflikte gehören nicht ins Bewerbungsgespräch", sagt Susanne Triebs, Diplom-Psychologin im Büro für Berufsstrategie in Berlin. "Gerade Mobbing kann viele Gründe haben." Eine Abrechnung mit der alten Firma sei der schlechteste Weg, sich beim möglichen neuen Arbeitgeber zu präsentieren.

Die besten Jobs von allen

Wie aber auf Fragen nach der Vorgeschichte reagieren: Sollen die Bewerber verschweigen, dass sie getriezt wurden, dass das Unternehmen Karriereversprechen nicht einlöste und dass es aufgrund schlechter Organisation drunter und drüber ging? Sollen sie gar lügen? "Das ist nicht notwendig", sagt Susanne Triebs. Sie empfiehlt Kandidaten, Erlebtes stets auf die Tatsachen zurückzuführen und Emotionales außen vor zu lassen. Der Fall von Verena Grashoff reduziere sich so auf "eine Verknappung des Verantwortungsspielraums" - und die lasse sich im Bewerbungsgespräch durchaus feststellen, ohne ins Lästern zu verfallen.
Schließlich werden in jedem Unternehmen Verantwortlichkeiten geändert und Stellen gekürzt. Da ist es problemlos möglich, seine "unerfreuliche" Vorgeschichte unverfänglich zu schildern: "Ich hatte mir meine weitere Entwicklung anders vorgestellt. Doch die Marktsituation lässt das gerade nicht zu." Dass man nicht weit über die Probezeit hinausgekommen ist, sei auch nicht unüblich und dürfe ruhig einmal im Lebenslauf stehen, findet Job-Beraterin Triebs. Angela Schmidt von Lee Hecht Harrison sieht das ähnlich. Ein Bewerber könne sogar zugeben, dass "die Chemie nicht gestimmt hat". Denn diese Erfahrung machten selbst die sympathischsten Menschen. "Das ist kein Makel."
Vorher ausmisten
Um solche Erklärungen überzeugend zu vertreten, müssen Bewerber ihre Schwierigkeiten allerdings vor einem Job-Interview aufarbeiten. "Wer mit dem Opfergefühl oder unter Druck in das Gespräch geht, hat schlechte Karten", weiß Angela Schmidt. Sie rät, zusammen mit Freunden das alte Problem zu reflektieren und sich innerlich davon zu befreien.
Mit einer "aufgeräumten" Grundeinstellung ist es für Bewerber viel einfacher, sich souverän vorzustellen. Für Fragen, die Konflikte, Kritik oder Misserfolg zum Inhalt haben, empfiehlt Karriere-Beraterin Susanne Triebs, sich Beispiele zurechtzulegen. So werde man nicht verleitet, über das Unternehmen vom Leder zu ziehen, und könne das Augenmerk auf die getroffene Entscheidung lenken, die Entschlossenheit und Engagement beweise.
Auch zwischenmenschliche Probleme sind nicht prinzipiell tabu, wenn sie einen professionellen Bezug haben, sagt Triebs: etwa als Illustration dafür, wie sich jemand als Führungskraft verhalte. Wichtig sei aber immer, "dass die geschilderte Situation zu einer guten Lösung führt". Mobbing, wie im Fall von Verena Grashoff, sei dagegen nie ein gelöstes Problem.
Vorsicht Fangfragen
Besonders heikel ist für viele Bewerber das so genannte Stressinterview. Mit Enthüllungsfragen versucht der Interviewer, sein Gegenüber zum Seelenstriptease zu verführen: Womit sind Ihre Arbeitskollegen zurzeit besonders unzufrieden? Was sind die Werte Ihres Vorgesetzten? Was würden Sie an Ihrem jetzigen Arbeitsplatz verändern, wenn Sie das dürften? Wer sich jetzt in der Rolle des Verhörten sieht, hat es schwer. "Drehen Sie den Spieß herum und sehen sich als Anbieter einer Leistung", empfiehlt Susanne Triebs.
"Beschreiben Sie den Idealfall", fordert Beraterin Angela Schmidt sogar: "Ich bevorzuge teamorientiertes Arbeiten. Ich möchte Fragen stellen dürfen. Ich vertraue auf Vorgesetzte, die führen, motivieren und Aufgaben klar formulieren. Ich schätze Unternehmen, in denen auch mit Kritik positiv umgegangen wird." Prinzipiell gelte, nicht im Bedauern über Vorfälle der Vergangenheit stecken zu bleiben, sondern positiv in die Zukunft zu blicken. "Personaler wollen keine rückwärts gewandten Menschen."
Ebenso sollten Bewerber sich nicht durch gezielte Provokationen - "Ich hatte den Eindruck, dass Ihr jetziger Arbeitgeber ganz froh wäre, wenn Sie die Firma verlassen würden" - zu umständlichen Rechtfertigungen verführen lassen. Minimalismus ist hier die beste Lösung: "Das kann ich mir nicht vorstellen!" Diese Antwort zeigt auch, wo der Bewerber Grenzen setzt.Das Gesetz im Rücken
Gerne fragen Abteilungsleiter im Bewerbungsgespräch auch mal danach, wie denn das konkurrierende Unternehmen mit einem bestimmten Problem verfahre. Hier gilt es genau zu überlegen, welche Fakten allgemein über Presse oder Geschäftsbericht zugänglich sind. Ansonsten ist Diskretion die beste und weithin akzeptierte Möglichkeit, sich elegant aus der Affäre zu ziehen. Über den Einsatz von Patenten zu reden oder andere Geheimnisse preiszugeben, ist nach dem Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb schlicht verboten.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.12.2006