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Ehrlichkeit im Lebenslauf
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Ehrlichkeit im Lebenslauf

Excel kann ich nicht und im Ausland war ich auch noch nie

Tina Groll, zeit.de
Ehrlichkeit im Lebenslauf zahlt sich aus: Wer Fehler nicht vertuscht, wird häufiger zum Gespräch eingeladen.
Viele Bewerber fühlen sich wie ein kleiner Hochstapler, wenn sie den Lebenslauf verfassen. Englischkenntnisse? Klar, verhandlungssicher! Excel? Kein Problem.

Keine Lust auf diese Selbstdarstellung hatte der New Yorker Jeff Scardino, der in diesem Sommer internationale Bekanntheit mit seinem ungewöhnlichen Lebenslauf erlangte. Scardino bewarb sich bei Werbeagenturen. Er listete in seinem relevant résumé alle Scheitererfahrungen seiner Karriere auf. Unter dem Punkt "Berufserfahrungen" gab aber zu, welche Fehler er beim jeweiligen Arbeitgeber gemacht hatte: Bei einer Werbeagentur hatte er es etwa nie geschafft, eine Fernsehwerbung zu verkaufen.

Der Anti-Lebenslauf

Unter dem Punkt "Ausbildung" schrieb er, dass seine Studienwahl die falsche gewesen sei; dass er wohl besser hätte Design studieren sollen. Und überhaupt hat eine unglückliche Liebe ihm leider die Konzentration geraubt, um gute Noten zu erlangen. Nicht fehlen durften in dem Anti-Lebenslauf all die Auszeichnungen, die er nicht bekommen hatte. Und dass er auch kein Buch geschrieben habe. Seine No-Skills: "Ich könnte pünktlicher sein." Und: "Ich habe Schwierigkeiten, mir Namen zu merken."

Um herauszufinden, ob seine ehrliche Bewerbung erfolgreicher war als eine normale, schickte er außerdem noch eine Bewerbung an die Unternehmen, in der er sich besser verkaufte.

Das Ergebnis: Fast alle Agenturen meldeten sich auf die Anti-Bewerbung. Die meisten wollten ihn kennenlernen. Auf die "echte" Bewerbung antwortete nur ein einziger Arbeitgeber.

Perfektion wirkt oft langweilig

Das Ergebnis deckt sich mit der Erfahrung von Personalern: Tatsächlich sind ungewöhnliche, erfrischende und ehrliche Bewerbungen oftmals von Vorteil. Allerdings gibt es eine Einschränkung: Eine solche Bewerbung muss zum jeweiligen Arbeitgeber, der Stelle und der Branche passen.

Je perfekter und damit stromlinienförmiger Anschreiben und Lebenslauf sind, desto langweiliger wirkt ein Kandidat. Mehr noch: Allzu makellose Bewerber erwecken bei vielen Personalentscheidern oft sogar einen negativen Eindruck. Tiefeninterviews haben gezeigt, dass makellosen Bewerbern oft negative Charaktereigenschaften zugeschrieben werden – und die Personaler sie unsympathisch finden.

Auswahl nach dem Ähnlichkeitsprinzip

Belegt ist auch: Ältere Personaler sortieren Bewerbungen von älteren Kandidaten nicht so schnell aus, wie es junge Personaler tun. Studien zeigen gut, dass bei der Personalauswahl das Ähnlichkeitsprinzip eine große Rolle spielt. Und die Vorauswahl bei der Personalsuche treffen selten Menschen mit elitären Lebensläufen. Daher lohnt es sich, bei der Bewerbung in Authentizität zu investieren.

Humor hilft auch: Vor einigen Jahren veröffentlichte der Satiriker Jürgen Sprenziger das Buch "Sehr geehrter Herr Hornbach, um ein Haar hätte ich mich bei Ihnen beworben – Absagen auf unverlangte Stellenanzeigen". Dafür hatte er Absageschreiben an Unternehmen geschickt, die Stellenanzeigen geschaltet hatten. Seine Briefe machten neugierig: Obwohl der Autor gar nicht auf Jobsuche war, hätten ihm einige Unternehmen gerne einen Job angeboten.

Zuerst veröffentlicht auf zeit.de
Dieser Artikel ist erschienen am 26.12.2015