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Unternehmensberatung

Ein Date mit BCG

Florian Willershausen
Die Boston Consulting Group steckt viel Geld in die Nachwuchssuche. Junge Karriere-Autor Florian Willershausen hat einen Recruiting-Workshop besucht. Dafür schlüpfte er in Anzug und Bewerberrolle.
Recruiting-Workshops: Hier muss man strategisch denkenFoto: © Kurt Duchatschek - Fotolia.com
Ihre modischen Sommerhemden sind oben aufgeknöpft. Die Jacketts baumeln einsam auf Stühlen. Keiner trägt Schlips. Locker und leger geben sich die Berater der Boston Consulting Group. Lässig zappen sie durch ihre Powerpoint-Charts und bringen den Studenten das Einmaleins der Projektarbeit bei. Eines ist schnell klar: Hier will jemand das Image des geschniegelten und gebügelten Beraters loswerden, der seine Schwiegermutter genauso gut verkaufen könnte wie sich selbst. Nein, die BCG-Berater sind anders. Besser. Individueller. Diesen Eindruck sollen wir 24 Studenten mit nach Hause nehmen, die zum Recruiting-Workshop für Bachelors eingeflogen wurden.In den Reihen neben mir sitzen intelligente Studenten, Leute mit strategischem Denkvermögen und viel Selbstbewusstsein. Die Bostoner wollen sie überzeugen. Sonst gehen sie zu McKinsey. Damit sich die Besten der Besten bei Boston bewerben, werden keine Kosten gescheut: Sieben-Gänge-Menü, Vier-Sterne-Übernachtung in München und Flug inklusive. Zwölf Mitarbeiter sind abgestellt, um Anfang-20-Jährigen die Firma vorzustellen. Senior-Projektleiter Roland Haslehner, 33, ist extra aus Wien angereist. Seine Workshop-Gruppe bastelt an der Vertikalisierungsstrategie für einen japanischen Elektronikkonzern. Was das ist, hat er vorhin kurz erläutert. Jetzt müssen wir selbst klarkommen. Nicht nur ich als Politologe, sondern auch meine BWL-Kollegen sind von dem Arbeitsmaterial - lauter Grafiken und Zahlen - erst mal erschlagen.

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Doch meine Mitstreiter machen ihre Sache gut. Als Haslehner nach einem längeren Handy-Anruf wieder in den Arbeitsraum kommt, pinseln wir das Konzept schon auf Folien. "Das funktioniert ja auf Anhieb", staunt der Österreicher. Die Leute haben was drauf. Viele kommen von Elite-Universitäten wie der privaten WHU in Koblenz oder dem englischen Warwick; ihre Ausbildung könnte ein Reihenhaus verschlungen haben. Andere haben sich an kleineren staatlichen Unis durchgeboxt. Alle waren im Ausland und können ordentliche Praktika vorweisen. Viele wollen schnurstracks die Berater-Karriere starten. Andere sind eher zufällig hier und machen sich ihren ersten Eindruck. So wie ich.Die Mitarbeiter der BCG, die spätestens beim Abendessen alle Fragen beantworten, sind ehrlich: Wenn viele Geschichten auch Humbug sein mögen - geschuftet wird von morgens bis abends. In der Woche sind die Mitarbeiter beim Kunden, nur das Wochenende bleibt halbwegs frei. Dennoch: "Ich kann meine Kinder während der Woche mindestens zweimal ins Bett bringen und mit meiner Familie frühstücken", beruhigt Geschäftsführer Just Schürmann, 36. Beratung ist Berufung, die zu Lasten des Privatlebens geht. Das wird jenen Absolventen klar, die bei ihrer Berufsplanung auch ans "wir" denken. Ins Grübeln kommen vor allem jene, die ihre Beziehung wegen Auslandsaufenthalt und Büffel-Exzessen schon mal aufs Abstellgleis rangieren mussten.

Bei anderen wirken gerade klischeebelastete Anreize, von denen BCG weg will. Der schwarze BMW etwa. Ausführlich fragen ein paar 21-Jährige - zurückgegelte Haare, Manschettenknöpfe, schlauer Blick - einen Junior-Berater, wann wer welchen Dienstwagen bekommt. Es gibt eben Klischees, die auch ein perfekt inszenierter Workshop nicht auszulöschen vermag.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.04.2007