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Folgen der Privatisierung von Bildung
Entdecken, erforschen, erlernen – das ist bei vielen privaten Bildungseinrichtungen das Motto.Foto: Sergey Novikov/Fotolia.com
Aufstiegschancen

Bildung wird immer mehr Privatsache

von Stefani Hergert
Meine Kita, meine Schule, meine Uni: Nie zuvor waren private Bildungseinrichtungen in Deutschland beliebter. Die neuen Angebote modernisieren das starre System. Zu welchem Preis?
Dass ihre Familie nach dem Handel mit Schrauben auch mal einen Teil der deutschen Bildungslandschaft revolutionieren würde, hätte Bettina Würth nicht vermutet. Aber so ist das in Zeiten, in denen viele Eltern die Hoffnung in den Staat als Betreiber von Kindergärten, Schulen und Universitäten verloren haben. Auch die Tochter des Schrauben-Königs Reinhold Würth war unzufrieden mit den Schulen. Also hat sie selbst zwei gegründet, in Berlin und im heimischen Künzelsau.

Die Motive der Schulgründer

Was nach außen Schule heißt, hat nach innen wenig mit den traditionellen Einrichtungen gemein: Schüler heißen hier Lernpartner, Lehrer sind Lernbegleiter. Und es gibt keinen Stundenplan, dafür viele Projekte oder einen "Club der Forscher". Der Würth-Konzern lässt sich das fünf Millionen Euro im Jahr kosten. "Viele Unternehmen haben Sorgen, dass unser Schulsystem nicht ausreichend leistungsfähige Schüler hervorbringt", sagt Helmut Jahn, Vorstand der zuständigen Würth-Stiftung. "Man möchte kein Kind verloren gehen lassen."

Das möchte auch Katharina Drewes nicht. Die erste Voraussetzung dafür ist, findet die Lehrerin, dass ein Ort überhaupt eine Schule hat. Und weil das Land Mecklenburg-Vorpommern fand, Bröbberow brauche keine Grundschule, hat Drewes dort eine gegründet. Anfang 30 und mit vielen pädagogischen Idealen im Kopf, hatte sie dem Lernen an staatlichen Schulen wenig abgewonnen. Zig Preise hat sie mittlerweile gewonnen; etwa für das gemeinsame Lernen von behinderten und nicht behinderten Kindern oder das Konzept des erlebnisorientierten Lernens in der Natur.

"Wir brauchen eine Bildungswende"

Das klingt ähnlich wie die Geschichte von Margret Rasfeld. Sie nennt sich Bildungsinnovatorin und hat schon als Leiterin einer staatlichen Gesamtschule in Essen angefangen, Schule anders zu gestalten. Später hat sie die evangelische Schule im Zentrum Berlins aufgebaut, die sie bis heute leitet. Dort gibt es keinen 45-Minuten-Takt, dafür Fächer wie Verantwortung oder Herausforderung und Projektarbeit. Und jeden Freitag kommt die ganze Schule in der Vollversammlung zusammen, um öffentlich jene zu loben, die in der Woche etwas gut gemacht haben. "Wir brauchen eine Bildungswende in Deutschland", ist sie überzeugt. Und so versucht Rasfeld mit ein paar Mitstreitern gerade, Schulen in Deutschland zum Aufbruch zu bewegen.

Es tut sich etwas in der "Bildungsrepublik Deutschland", die Kanzlerin Angela Merkel 2008 ausgerufen hat: Unternehmer, die Schulen und Kindergärten betreiben; vom Staatsdienst frustrierte Lehrer, die ihre eigenen Schulen gründen; Eltern, die sich zusammenschließen; Industriellen-Stiftungen, die Hochschulen finanzieren. Das deutsche Bildungssystem, seit Humboldts Zeiten fest in der Hand des Staates, wird durch privates Engagement aufgefrischt.

Innovation durch private Konkurrenz

Natürlich geht noch immer die überwiegende Mehrheit auf staatliche Schulen und Hochschulen; und niemand fordert ein zweigeteiltes System aus Staatseinrichtungen und Elite-Privatschulen wie in den USA und Großbritannien. Und doch: Besuchten im Jahr 2008 knapp 21 000 Kinder eine private Kindertagesstätte (Kita), sind es heute schon 55 000. Gingen im Jahr 2000 erst 560 000 Schüler auf eine Privatschule, sind es jetzt fast 800 000. Und bei den Hochschulen stieg die Zahl von nicht einmal 25 000 auf fast 170 000. Investierten die Deutschen im Jahr 2008 noch 12,7 Milliarden Euro in Bildung, so waren es im vorigen Jahr 15 Milliarden.

Viele Eltern sind bei der Ausbildung ihres Nachwuchses immer ehrgeiziger. Staatliche Einrichtungen werden diesen Wünschen schon finanziell kaum gerecht: Deutschlands Ausgaben für Bildung dümpeln bei 5,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – ein lachhafter Platz 27 im Vergleich der OECD.

Einerseits gelingt es der Republik immer weniger, die Schwächeren im Bildungssystem zu integrieren. Andererseits suchen sich die Stärkeren und Reicheren ihre eigenen Konzepte. Gäbe es in Sachen Bildung nur den Staat – aus der Nation der Dichter und Denker würde eine Republik der Sparer und Bestandsverwalter. Bestenfalls.